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„Die Ausbildung der jungen Juristinnen und Juristen lebt zu sehr in der Vergangenheit.“

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Torsten Schneider ist Director Human Resources bei der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in Köln. Seiner Ansicht nach lässt die Juristenausbildung in Deutschland einiges zu wünschen übrig. Was genau, benennt er im Interview.

Wie zufrieden sind Sie mit der augenblicklichen Juristenausbildung?

Ich bin nur mäßig zufrieden. Didaktisch im Fokus steht das Auswendiglernen von Rechtsprechung und herrschenden Meinungen. Ganzheitliches Denken, um neue Lösungen für neue Fragestellungen zu entwickeln, wird kaum gelehrt. Das aber passt nicht in unsere Zeit, in der sich eine Veränderung an die nächste reiht. Selbstständiges Denken und Kreativität bei der Entwicklung von Lösungen in neuen Kontexten ist heute genauso wichtig wie die Kenntnis der bestehenden Rechtsanwendung.

Was genau wünschen Sie sich?

Den künftigen Wirtschaftsjuristen fehlt vielfach die interdisziplinäre Breite, um in einer ökonomisierten und globalisierten Umwelt die notwendigen Weiterentwicklungen im Recht zu antizipieren und vorausschauend zu lösen. Die Ausbildung der jungen Juristinnen und Juristen lebt in der Vergangenheit. Den praktischen Herausforderungen der Unternehmen wird nicht Rechnung getragen. Von ethischen Fragen ganz zu schweigen.

Welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Kenntnisse haben gute Wirtschaftsjuristen?

Juristen in der Wirtschaft müssen über einen grundlegenden Geschäftssinn verfügen und ein Verständnis dafür haben, wie Technologie, Prozesse und Wirtschaftsmodelle funktionieren und zusammenwirken. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Datenanalyse und Technologie auch für Juristen zum Alltag gehören. Sie sollten zum Beispiel wissen, was Algorithmen sind, was sie können und was nicht. Daneben sind und bleiben Soft Skills elementar. Gute Juristen können Ideen und Lösungen präsentieren, sind rhetorisch geschult und verhandeln geschickt. Idealerweise haben sie auch etwas über Menschenführung und die Gestaltung von Zusammenarbeit gelernt. Kurzum: Es braucht eine große Bandbreite an Kompetenzen.

Das alles würde die Juristenausbildung enorm verlängern. Worauf könnte im Studium und/oder Referendariat verzichtet werden?

Weg von der starren Ausbildung zum Volljuristen mit der Befähigung zur Karriere im Staatsdienst und hin zu einer früheren Spezialisierung. Beispielsweise könnte man den jungen Leuten nach dem ersten Staatsexamen zur Wahl stellen, sich für eine bestimmte Richtung zu entscheiden. In der Medizin funktioniert das wunderbar mit der Aufteilung in Grundstudium und Facharztausbildung. Auch bei den Juristen gibt es vielfältige Beratungsfelder und aufgrund der steigenden Komplexität zunehmend eine Segmentierung, sei es nach Rechtsbereichen oder bestimmten Wirtschaftsbranchen. Zu den spezifischen Zusammenhängen, die notwendig sind, um die juristischen Themen im jeweiligen Kontext zu lösen, finden Hochschulabsolventen im Studium keine Anknüpfungspunkte. Erste Einblicke gibt es mit Glück frühestens im Referendariat. Wenn man die Juristenausbildung zukunftsfähig reformieren will, darf man vor einer Spezialisierung in der Ausbildung nicht zurückschrecken.

Was unternehmen Sie, um Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, die möglichst nahe an Ihr Ideal heranreichen?

Luther bietet eine Vielzahl an Workshops, bei denen wir interessierten Absolventen einen Einblick in die Perspektiven als Wirtschaftsjurist geben. Wir lernen uns gegenseitig kennen, und wenn die jeweiligen Erwartungen passen, bleiben wir in Kontakt. Referendaren ermöglichen wir zudem ein intensives Training in unserer Academy, häufig gemeinsam mit unseren Anwälten. Wir investieren enorm, um die Lücken im Bereich wirtschaftliche Grundlagen und Zusammenhänge zu schließen. Je früher die Wirtschaft und deren Zusammenhänge verstanden werden, desto steiler ist die Lernkurve in der beruflichen Praxis.

Wie führen Sie Berufsanfänger an ihre Rolle heran?

Sie arbeiten vom ersten Tag an im Mandat. Dabei bekommen sie Anleitung und Orientierung durch erfahrene Anwälte. Jeder unserer Associates ist einem Partner zugeordnet, der sich um ihre fachliche Ausbildung und Spezialisierung kümmert. Hinzu kommt die Zusammenarbeit im Team mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Über passgenaue Angebote für fachliche Weiterbildung und Soft Skills geben wir ihnen zudem Impulse, damit es nicht beim Learning on the Job bleibt.

Was wäre ihre Empfehlung an junge Juristen während ihrer Ausbildung?

Angehende Juristen müssen sich auf den Wandel vorbereiten, in dem die Rechtsberatung steckt. Sie müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass es nicht ausreicht, die Dinge, auf die es später neben Jura ankommt, erst in der Praxis zu lernen. Sie müssen frühzeitig über den Tellerrand von Jura hinausblicken.


Das Interview führte Christine Demmer, in: unternehmensjurist 2/2020.
Beitrgasbild: Dmitrij Paskevic auf Unsplash