Stärken und Schwächen im Bewerberinterview

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Wie Sie die Frage nach Stärken und Schwächen optimal meistern, erfahren Sie in diesem Beitrag von Torsten Schneider (Director Human Resources).

Ich stelle immer wieder fest, dass sich Kandidaten im Vorstellungsgespräch zu sehr aufs Fachliche konzentrieren. Sie versuchen sich als exzellenter Jurist zu positionieren und vergessen, dass es auch um die Persönlichkeit geht.

Ziel des Bewerberinterview ist es jedoch, Sie  von allen Seiten kennenzulernen. Ihr Gesprächspartner hat eine offene Stelle, für die er einen Mitarbeiter will, der optimal auf die Position passt. Im Vorstellungsgespräch will er herausfinden, ob Sie ins Team passen, und ob Sie die Mentalität mitbringen, die für eine weitere Karriereentwicklung nötig ist. Er möchte neben der fachlichen Seite vor allem mehr über Ihre Persönlichkeit erfahren – ein Fakt, dem viele Bewerber in Interviews zu wenig Beachtung schenken.

Schwierigkeiten haben viele Kandidaten bei einem ganz wichtigen Karrierefaktor: der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Um diese Eigenschaft geht es bei der – häufig als unangenehm empfundenen  – Frage nach den Stärken und Schwächen.

Die Frage nach den „Stärken“ scheint einfach

Auf die Frage nach den Stärken haben Kandidaten meist schnell eine Antwort parat. Sie nennen Stärken, die eigentlich in jedem Job gefragt sind: „Ich bin teamfähig.“ Mit solchen pauschalen Behauptungen lässt sich in der Praxis allerdings kaum punkten. Sie müssen auch überzeugende Beispiele benennen. Hier trennt sich die spreu vom Weizen.

Wie finden Sie Ihre Stärken heraus?

Eigentlich sollte man meinen, dass jeder erwachsene Mensch seine Stärken kennt. Tatsächlich fällt Vielen die Selbsteinschätzung aber schwer. Um sich über die eigenen Stärken klar zu werden, können folgende Fragen helfen:

  • Wofür wurden Sie in der Vergangenheit häufiger gelobt?
  • Was tun Sie gern, und was fällt Ihnen leicht, wo andere eher Schwierigkeiten haben?
  • Kommt man mit bestimmten Aufgaben oder Themen immer wieder zu Ihnen?
  • Welche besonderen Leistungen haben Sie erreicht? Was hat Ihnen dabei geholfen?

Erstellen Sie aus den Antworten eine Liste mit Ihren Stärken. Ergänzen sie diese um weitere Beispiele, bei denen sich diese Stärken gezeigt haben. Jetzt haben Sie ein Reservoir, aus dem Sie bei jedem Bewerberinterview schöpfen können.

Praxistipp

Machen Sie sich vor dem Gespräch Gedanken, welche Stärken für die konkrete angestrebte Position besonders wichtig sind, und welche dieser Stärken Sie tatsächlich mitbringen. Anschließend suchen Sie nach den Beispielen aus Ihren bisherigen Lebensabschnitten, mit denen Sie diese Stärke überzeugend belegen können. Beschreiben Sie im Gespräch konkrete Situationen, wo und wie Ihnen diese Stärken geholfen haben. Ersetzen Sie Schlagworte durch leicht nachvollziehbare und Ihre Zuhörer packende Beispiele.

Den abstrakten Begriff „Teamfähigkeit“ könnten Sie wie folgt beschreiben: „Ich wurde schon mehrfach für meine Teamfähigkeit gelobt. So griff ich während meiner Referendarstation einem Arbeitskollegen unter die Arme, als der besonders viel zu tun hatte und der Abgabetermin näher rückte, indem ich … (hier kommt Ihr Handeln, welches Ihre Teamfähigkeit dokumentiert).“

Auch bei der Frage nach den „Schwächen“ muss man überzeugen

Bei der Frage nach etwaigen schwächen geht es ganz und gar nicht darum, Sie durch die Mangel zu drehen oder in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Es geht um Ihre Fähigkeit, Handlungsfelder zu erkennen, wo es knifflig wird.

Keine gute Idee ist es darum – gleichwohl ein „Klassiker“ unter den Antworten – solche Eigenschaften als Schwäche zu nennen, die eigentlich ein Stärke sind. Denn Sie können davon ausgehen, dass ein erfahrener Gesprächspartner folgende und ähnlich gestrickte Antworten schon unzählige Male gehört hat:

„Mein Ehrgeiz treibt mich manchmal zu sehr an.“ „Wenn es anders läuft als geplant, werde ich leicht ungeduldig.“ „Manchmal bin ich zu perfektionistisch.“

Anstatt die Frage zu beantworten, weichen Kandidaten mit solchen Antworten aus. Bei mir ruft diese Taktik die unangenehme Vorahnung hervor, dass die Bewerber auch später ausweichen werden, wenn es darum geht, zu Fehlern zu stehen oder offen über eine schwierige Situation zu sprechen. Am Ende des Gesprächs ist es dann gar nicht selten, dass ich mich frage, wer dieser Mensch eigentlich ist, der mir hier gegenüber saß.

Besser ist es, wenn Sie ebenso wie Ihre Stärken auch Ihre Schwächen im Vorfeld ernsthaft reflektieren. Jeder Mensch hat Schwächen. Lesen Sie bisherige Zeugnisse und Beurteilungen, und fragen Sie Freunde. Wichtig ist dabei nur, dass die Schwächen Sie nicht daran hindern, die avisierte Stelle optimal auszufüllen.

Praxistipp

Im Einstellungsgespräch ist es ausreichend, eine oder maximal zwei Schwächen zu nennen, auch wenn nach drei Schwächen gefragt wurde. Es ist auch völlig legitim, abschwächende Begriffe wie „manchmal“, „gelegentlich“ und „ab und an“ zu verwenden. Das macht es einfacher, über kritische Dinge zu reden. 

Und sagen Sie vor allem auch dazu, was sie tun, um die Schwächen oder deren mögliche Auswirkungen zu minimieren. Wenn Sie zum Beispiel folgende Schwäche haben: „Mein Zeitmanagement könnte gelegentlich besser funktionieren. Manchmal will ich zu viele Dinge gleichzeitig machen, anstatt die Dinge nacheinander abzuarbeiten.“ Sagen Sie direkt im Anschluss: „Ich habe mir deshalb vor einiger Zeit ein Buch über Zeitmanagement gekauft und versuche jetzt, ein paar Dinge daraus umzusetzen. Konkret mache mir jetzt bei wichtigen Aufgaben To-Do-Listen, die ich abarbeite. Wenn ich Aufgaben mit dem Vermerk „dringend“ vor mir habe, haben die immer Priorität.“

Erfahrene Interviewer sind kreativ

Die Frage nach Stärken und Schwächen wird nicht immer explizit gestellt. Ein geschickter Interviewer hat unterschiedliche Varianten parat. Er fragt zum Beispiel: „Was war die größte Herausforderung, die Sie in den letzten zwei Jahren zu bewältigen hatten?“ Diese Frage könnten Sie mit einem Ereignis aus Ihrem privaten Leben beantworten: „Ich habe meinen ersten Marathon bewältigt. Das war eine sehr große Herausforderung, nicht nur körperlich, sondern auch mental.“ Ich empfehle allerdings, eher einen beruflichen Erfolg anzuführen. Kann Ihr gegenüber mit Sport wenig anfangen – oder hat er sogar schlechte Erfahrungen mit jemand anderem gemacht, der etwas Ähnliches geleistet hat –, kommt Ihr Beispiel nicht gut bei ihm an. Berufliche Erfolge wie etwa eine Weiterbildung passen hier besser.

Eine andere Möglichkeit, um Ihre Stärken und Schwächen zu erfassen, wäre die Frage: „Haben Sie schon mal erlebt, dass die Arbeit in einer Gruppe nicht funktioniert hat? Wie sind Sie damit umgegangen?“ Ungeschickt ist, wenn Sie auf die Frage wie folgt antworten: „Einige im Team hatten eine andere Einstellung zur Arbeit als ich. Manche waren weniger zielstrebig, und so blieb letztlich die ganze Arbeit an mir und einigen wenigen Kollegen hängen. Wir haben das Projekt im Wesentlichen allein zu Ende gebracht.“ Damit präsentieren Sie sich als schlechter Teamplayer ohne Problembewusstsein.

Gut ist es dagegen, wenn Sie vermitteln können, dass Sie das Problem im Team offen angegangen sind: „Wir haben die Probleme in einer Teamrunde angesprochen. Es stellte sich heraus, dass sich Einige mit der Aufgabe überfordert fühlten und der Zeitplan unrealistisch war. Wir haben die Aufgaben dann neu verteilt und einen neuen Zeitplan mit dem Auftraggeber abgestimmt.“

Stärken Stärken, Schwächen managen

Jetzt sind Sie dran. Reflektieren Sie Ihre Stärken und Schwächen. Finden Sie Beispiele, um diese nachvollziehbar zu beschreiben. Schreiben Sie sich die Beispiele und was Sie zur Risikominimierung tun können auf. Und dann beginnen Sie darauf zu achten, dass Ihre Schwächen nicht zur Karrierefalle werden. Doch Achtung: Arbeiten Sie nicht nur an der Beseitigung Ihrer schwächen, somndern Stärken Sie auch weiterhin Ihre Stärken.

Ihr
Torsten Schneider